🦌🌙 Das Geheimnis im Nachtwald 🦇✨

Ben und Iggy sind spät am Abend im stillen Nachtwald unterwegs. Der Mond scheint silbern durch die Bäume, die Blätter rascheln leise, und irgendwo knackt ein Zweig. Iggy ist sich sicher, dass es bestimmt nur ein besonders lauter Käfer war. Ben dagegen spürt: Heute liegt etwas Besonderes in der Luft. Gemeinsam folgen die beiden einem geheimnisvollen Geräusch tiefer zwischen Farne, Brombeerbüsche und alte Bäume hinein – und dort wartet eine Überraschung, mit der keiner von ihnen gerechnet hat.

wowbook

5/23/20267 min read

Guten Abend, ich bin’s wieder, Ben, eure Fledermaus.

Heute Abend bin ich fast gegen einen Ast geflattert, habe eine Motte beinahe verschluckt und einen Igel mit einer Blattkrone getroffen. Also eigentlich eine ganz normale Nacht im Nachtwald. Aber dann geschah etwas, das sogar mich sprachlos machte – und das passiert mir wirklich nicht oft.

Die Nacht begann ganz leise.

Nicht so leise wie ein schlafender Käfer mit Bauchweh, aber fast. Der Mond hing rund und hell über dem Nachtwald, und die Sterne funkelten, als hätte jemand eine Handvoll Glitzer über den Himmel gepustet. Ich flatterte vorsichtig zwischen den alten Bäumen hindurch. Unter mir raschelten Blätter, über mir flüsterten die Zweige, und irgendwo in der Ferne rief eine Eule ihr tiefes: „Huuu-huuu.“

Früher hätte ich mich bei diesem Geräusch sofort hinter dem nächsten Ast versteckt. Vielleicht hätte ich sogar behauptet, ich müsse dringend meine Flügel sortieren. Oder meine Ohren zählen. Also, Ohr. Na ja, ihr wisst schon – an meinem rechten Ohr fehlt ja ein kleines Stückchen. Aber heute blieb ich in der Luft.

Denn heute war ich nicht allein.

„Ben?“, piepste eine kleine Stimme unter einem Brombeerbusch. „Bist du das? Oder ist das ein fliegender Schatten mit Schluckauf?“

Ich musste kichern. „Iggy, ich bin es. Und ich habe keinen Schluckauf. Zumindest nicht im Moment.“

Aus dem Laub kugelte mein Freund Iggy, der kleine Igel, hervor. Ein trockenes Blatt hing auf seinen Stacheln wie ein viel zu großer Hut. Er schüttelte sich einmal, doch das Blatt blieb sitzen.

„Du siehst sehr vornehm aus“, sagte ich.

Iggy blickte nach oben, so gut ein Igel mit Blatt-Hut eben nach oben blicken kann. „Danke. Ich nenne diesen Stil: Waldkönig mit Knisterkrone.“

Ich landete auf einem niedrigen Ast. „Luna wollte eigentlich auch kommen, aber sie zeigt gerade den Glühwürmchen, wie man nicht durcheinander blinkt.“

„Das klingt schwierig“, murmelte Iggy. „Ich blinke zum Glück gar nicht. Sonst würde ich mich wahrscheinlich selbst erschrecken.“

Wir lachten beide leise. Dann wurde der Nachtwald wieder still.

Zu still.

Ich spitzte meine Ohren. Fledermäuse können sehr gut hören. Wusstest du, dass wir mit feinen Rufen und den zurückkommenden Echos erkennen können, was vor uns liegt? Manche sagen, Fledermäuse sehen mit den Ohren. Ich finde das lustig, denn wenn ich mit meinen Ohren wirklich sehen könnte, würde ich ihnen manchmal kleine Augenbrauen malen.

Da war ein Geräusch.

Ein zartes Knacken.

Dann ein leises Schnaufen.

Iggy drückte sich näher an den Baumstamm. „Warst du das?“

„Nein“, flüsterte ich.

„Dann war ich es auch nicht“, flüsterte Iggy zurück. „Ich knistere nur beim Gehen, nicht beim Stehen.“

Zwischen den Farnen bewegte sich etwas. Erst sah ich nur einen Schatten. Dann zwei dünne Beine. Dann ein kleines Gesicht mit großen, dunklen Augen.

Es war ein Reh.

Aber nicht irgendein Reh.

Es hatte braunes Fell, weich wie warmer Waldboden nach einem Sommertag. Schon manchmal hatte ich Rehkinder gesehen, und immer trugen sie helle, runde Punkte auf dem Rücken. Doch bei diesem Reh war etwas anders. Ich blinzelte und schaute noch einmal genau hin. Es waren keine runden Punkte. Es waren Sterne. Kleine helle Sternchen, manche ganz klein, manche etwas größer, alle mit zarten Spitzen, als hätte der Himmel sich an ihm festgekuschelt.

Iggy klappte den Mund auf.

Ich klappte den Mund auch auf.

Eine kleine Motte flog beinahe hinein, weshalb ich ihn schnell wieder zuklappte.

Das Reh sah uns ängstlich an. Es zitterte ein wenig.

„Hallo“, sagte ich vorsichtig. „Ich bin Ben. Und das da unten mit der Knisterkrone ist Iggy.“

Iggy räusperte sich. „Guten Abend. Ich bin normalerweise ohne Krone unterwegs.“

Das kleine Reh blinzelte. „Ich heiße Niva“, sagte es mit einer Stimme, die so weich war wie Moos. „Ich habe mich verlaufen.“

Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer. Verlaufen. Das kannte ich. Iggy kannte es auch. Und Karlo Käfer kannte es wahrscheinlich sogar auf gerader Strecke.

„Wo ist deine Familie?“, fragte ich.

Niva schaute zum dunklen Waldweg. „Wir waren auf der Lichtung bei den Birken. Dann kam ein lautes Krachen. Ich bin erschrocken und losgerannt. Jetzt finde ich nicht zurück.“

Iggy nickte ernst. Dabei rutschte sein Blatt-Hut über ein Auge. „Erschrecken ist sehr anstrengend. Danach weiß man manchmal nicht mehr, wo vorne und hinten ist.“

„Bei dir ist das auch ohne Erschrecken manchmal so“, sagte ich.

„Das stimmt“, gab Iggy zu. „Aber heute geht es nicht um mich. Heute geht es um Niva.“

Niva sah auf ihr Fell hinunter. „Meine Sterne sehen anders aus als bei den anderen Rehkindern. Mama sagt, sie seien etwas Besonderes. Aber ich finde sie manchmal doof. Ich möchte lieber aussehen wie alle anderen.“

Ich verstand sie sofort. Auch ich hatte mich lange gewünscht, einfach wie die anderen Fledermäuse zu sein, wenn die Nacht zu groß wurde. Wenn die Schatten wuchsen und mein Herz so laut pochte, dass ich dachte, sogar die Mäuse könnten es hören.

„Vielleicht“, sagte ich langsam, „ist es gar nicht schlimm, anders auszusehen. Vielleicht ist es sogar schön.“

Niva hob den Kopf. „Meinst du?“

„Ich finde deine Sterne wunderhübsch“, sagte ich. „Aber jetzt bringen wir dich erst einmal nach Hause.“

„Aber ich habe Angst“, flüsterte Niva.

Da wurde mir warm ums Herz. Denn auf einmal hörte ich Großmutter Floras Stimme in meinem Kopf. Sie hatte mir oft erzählt, dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, dass man einen kleinen Schritt macht, obwohl die Angst neben einem hertrippelt.

„Dann gehen wir zusammen“, sagte ich. „Du musst nicht allein mutig sein.“

Iggy stellte sich kerzengerade hin. Also so gerade, wie ein kleiner Igel eben stehen kann. „Ich komme mit. Ich bin sehr gut darin, Wege zu finden.“

Ich sah ihn an.

Er sah mich an.

„Na gut“, sagte Iggy. „Ich bin sehr gut darin, beim Wegefinden Gesellschaft zu leisten.“

So machten wir uns auf den Weg.

Ich flog voraus und rief leise in die Dunkelheit. Meine Echos kamen zurück und erzählten mir von Baumstämmen, niedrigen Ästen, einem hohlen Baum und einem Pilz, der aussah wie ein winziger Regenschirm. Iggy trippelte unten durch das Laub. Niva folgte ihm mit vorsichtigen Schritten.

Der Nachtwald war wunderschön. Zwischen den Bäumen hing Nebel wie silberner Atem. Die Gräser glitzerten vom Tau. Ein Käfer krabbelte über einen Stein und tat dabei so wichtig, als müsse er den ganzen Wald regieren. Aus der Ferne hörten wir das sanfte Plätschern eines kleinen Baches.

Dann knackte es laut.

Niva blieb stehen.

Iggy rollte sich vor Schreck fast zu einer Kugel zusammen. „Ich bin ein Stein. Niemand sieht mich.“

Ich flatterte erschrocken nach oben und stieß beinahe gegen einen Ast. „Autsch – fast.“

Aus dem Gebüsch kam ein Schatten.

Mein Bauch wurde kalt.

Doch dann sah ich zwei lange Ohren.

Es war nur ein Hase.

„Entschuldigung“, murmelte der Hase mit vollem Mund. „Ich habe auf einen Zweig getreten. Sehr knusprig. Nicht empfehlenswert.“

Dann hoppelte er davon.

Niva atmete zitternd aus. „Ich dachte, es wäre etwas Gefährliches.“

„Das dachte ich auch“, gab ich zu. „Aber manchmal klingt die Nacht größer, als sie ist.“

Wir gingen weiter.

Bald erreichten wir den kleinen Bach. Das Wasser schimmerte dunkel, und der Mond malte eine silberne Straße darauf. Niva blieb am Ufer stehen.

„Ich kann da nicht hinüber“, flüsterte sie.

Der Bach war nicht sehr breit, aber für ein kleines Reh mit klopfendem Herzen sah er bestimmt aus wie ein riesiger Fluss. Iggy betrachtete das Wasser. „Ich würde ja schwimmen, aber dann sehe ich aus wie eine nasse Kastanie.“

Ich suchte mit meinen Ohren und Augen die Umgebung ab. Da lag ein umgestürzter Ast über dem Bach. Nicht sehr dick, aber breit genug für vorsichtige Rehbeine.

„Dort“, sagte ich. „Du kannst über den Ast gehen.“

Niva schüttelte den Kopf. „Was, wenn ich falle?“

Ich setzte mich auf den Ast. „Dann bin ich hier. Iggy ist dort. Und der Bach ist flach. Du schaffst das, Schritt für Schritt.“

Iggy nickte. „Und ich mache mein ermutigendes Gesicht.“

Er zog eine Grimasse, die vermutlich ermutigend sein sollte, aber eher aussah, als hätte er eine saure Beere gegessen. Niva musste lachen. Es war nur ein kleines Lachen, aber es reichte. Ihr erster Schritt berührte den Ast.

Dann der zweite.

Langsam ging sie hinüber. Der Ast wackelte ein wenig. Ich hielt den Atem an. Iggy hielt auch den Atem an und wurde dabei ganz rund.

Schließlich sprang Niva auf die andere Seite.

„Ich habe es geschafft“, flüsterte sie.

„Siehst du?“, sagte ich. „Mut kann ganz leise sein. Manchmal klingt er nur wie ein kleiner Schritt auf einem alten Ast.“

Hinter dem Bach wurde der Wald lichter. Ich erkannte die Birken, von denen Niva erzählt hatte. Ihre weißen Stämme schimmerten im Mondlicht. Auf der Lichtung stand eine Rehfamilie und suchte unruhig zwischen den Bäumen.

„Niva!“, rief eine sanfte Stimme.

Das kleine Reh stieß einen freudigen Laut aus und sprang los.

Ihre Mutter drückte sie zärtlich an sich. „Mein kleines Sternenkind.“

Iggy schniefte. „Ich habe nur ein Blatt im Auge.“

„Du hast gar kein Blatt im Auge“, sagte ich.

„Dann ist es ein Gefühl.“

Nivas Mutter bedankte sich bei uns. Niva kam noch einmal zurück und sah mich an. „Ich dachte, meine Sterne machen mich zu auffällig. Aber jetzt mag ich sie ein bisschen lieber.“

„Manchmal“, sagte ich, „ist genau das, was uns anders macht, das Schönste an uns.“

Niva lächelte. „Und manchmal braucht man Freunde, die einem das zeigen.“

Als Iggy und ich später durch den Nachtwald zurückgingen, war die Welt ganz ruhig. Die Sterne standen hoch über uns. Mein Herz fühlte sich weich und zufrieden an.

„Ben?“, fragte Iggy.

„Ja?“

„Glaubst du, ich habe auch etwas Besonderes? So wie Nivas Sterne?“

Ich betrachtete ihn. Seine Stacheln glänzten im Mondlicht, und auf einem davon hing schon wieder ein Blatt.

„Natürlich“, sagte ich. „Du findest immer Wege, auch wenn es manchmal die falschen sind. Aber dabei findet man oft die schönsten Abenteuer.“

Iggy dachte darüber nach. „Das ist sehr weise. Vielleicht sollte ich einen Ratgeber schreiben: Wie man sich verirrt und trotzdem ankommt.“

Ich lachte so sehr, dass ich kurz taumelte.

Zurück in meiner alten Eiche kuschelte ich mich in meinen Schlafplatz. Die Nacht war nicht mehr nur dunkel. Sie war voller Stimmen, Wege, Freunde und kleiner Wunder. Und irgendwo im Nachtwald schlief ein kleines Reh mit Sternen auf seinem braunen Fell.

Ich schloss die Augen.

Vielleicht träumte Niva gerade vom Himmel.

Und vielleicht träumte der Himmel von ihr.

Gute Nacht, ihr kleinen Nachtentdecker. Kuschelt euch ein, macht die Augen zu und denkt daran: Manchmal ist genau das, was euch anders macht, euer schönstes kleines Licht.