🦇🌫️ Der erste Nebel über Schnabelstadt 🍂✨

An einem kühlen Herbstabend zieht plötzlich dichter Nebel über den Park, und Ben verliert die Orientierung, obwohl er sich sonst voll und ganz auf seine Ohren verlassen kann. Zum ersten Mal weiß er nicht mehr, wo oben und unten ist. Eine ruhige Gute-Nacht-Geschichte über Vertrauen und darüber, wie gut es tut, nicht alles allein schaffen zu müssen.

wowbook

9/12/20264 min read

Hallo, ihr lieben Nachtschwärmer!

Ich fliege gerade über Schnabelstadt, und die Luft riecht heute Abend ganz anders als sonst. Es duftet nach feuchtem Laub und kühler Erde, und die Blätter der Bäume haben sich in Gold und Rostrot verfärbt. Der Herbst ist da, das spüre ich in jedem Flügelschlag.

Der Mond stand noch klar am Himmel, als ich gemütlich in Richtung Park unterwegs war, um Luna zu treffen. Wir hatten uns an der alten Weide verabredet, wie so oft in den letzten Wochen.

Doch dann geschah etwas Merkwürdiges.

Innerhalb weniger Minuten begann sich alles um mich herum zu verändern. Feiner, weißer Nebel stieg vom Teich auf und breitete sich langsam über den ganzen Park aus. Erst war es nur ein zarter Schleier, doch schon bald konnte ich kaum noch die Umrisse der Bäume erkennen.

„Das ist ja seltsam", murmelte ich und flatterte etwas langsamer weiter.

Normalerweise verlasse ich mich nicht nur auf meine Augen. Meine Ohren und meine Rufe zeigen mir sonst ganz genau, wo ein Ast, ein Baum oder ein Stein ist. Doch heute schien selbst das nicht richtig zu funktionieren. Die Echos kamen seltsam gedämpft zurück, verschwommen und undeutlich, als würde der Nebel auch die Geräusche einhüllen.

Ich blieb kurz in der Luft stehen und spürte, wie mein Herz schneller schlug. Wo war die alte Weide? Wo war der Teich? Alles um mich herum sah auf einmal gleich aus, nur graue, sich bewegende Nebelschwaden.

„Luna?", rief ich, doch meine eigene Stimme klang fremd und leise.

Keine Antwort.

Ich flog vorsichtig weiter, doch nach ein paar Flügelschlägen wusste ich nicht mehr genau, aus welcher Richtung ich gekommen war. Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus. Ich, der sich sonst nachts nie verirrt, wusste auf einmal nicht mehr, wo ich war.

„Ganz ruhig, Ben", flüsterte ich mir selbst zu. „Du schaffst das schon."

Doch je mehr ich mich bemühte, den richtigen Weg zu finden, desto verwirrter wurde ich. Ein Ast tauchte direkt vor mir auf, und ich konnte gerade noch ausweichen. Mein Flügel streifte ein paar nasse Blätter, die kalt an meiner Haut klebten.

Dann hörte ich ganz plötzlich ein leises Rascheln über mir.

„Ben? Bist du das?"

Es war Luna. Ihre sanften Flügel schimmerten kaum sichtbar durch den dichten Nebel, aber ihre Stimme war deutlich zu hören.

„Luna! Ich bin hier", rief ich erleichtert. „Ich weiß gar nicht mehr, wo ich bin. Meine Ohren helfen mir heute nicht so, wie sie sollten."

Luna schwebte näher, bis ich ihre vertrauten Umrisse erkennen konnte. „Der Nebel macht das. Er schluckt die Geräusche und verwischt alle Wege. Das geht heute Nacht wohl jedem im Park so."

„Wie findest du dich dann zurecht?", fragte ich verwundert, denn Luna wirkte trotz allem ganz ruhig.

„Ich finde mich auch nicht so gut zurecht wie sonst", gab sie zu. „Aber ich weiß, dass du in der Nähe bist, wenn ich rufe. Und das reicht mir heute."

Ich musste kurz nachdenken. Normalerweise verließ ich mich ganz auf meine eigenen Fähigkeiten, auf meine Ohren, meine Rufe, mein Gespür für die Richtung. Aber heute halfen mir diese Dinge kaum weiter.

„Vielleicht", sagte ich langsam, „müssen wir heute den Weg zusammen finden, statt jeder für sich."

Luna nickte, auch wenn ich es im Nebel eher spürte als sah. „Das klingt gut. Bleib nah bei mir."

Wir flogen dicht nebeneinander weiter, langsam und behutsam. Luna kannte jeden Weg im Park so gut, dass sie sich an kleinen, vertrauten Zeichen zurechtfand, an einem bestimmten Baumstamm, einem Duft, einer Biegung des Weges.

„Hier entlang", sagte sie schließlich und deutete mit einem Flügel nach rechts. „Ich rieche den Teich. Wir sind fast bei der Weide."

Tatsächlich, kurz darauf tauchten die vertrauten, hängenden Zweige der alten Weide vor uns auf, dunkel und tropfend im Nebel. Ich ließ mich erleichtert auf einem Ast nieder.

„Ich dachte schon, ich finde mich nie wieder zurecht", gab ich zu und atmete tief durch.

„Manchmal reicht das eigene Können einfach nicht aus", sagte Luna sanft und setzte sich neben mich. „Aber dann ist es gut, wenn jemand da ist, dem man vertraut."

Wir blieben eine Weile still sitzen und lauschten den leisen Geräuschen des Waldes um uns herum. Der Nebel hüllte den Park weiterhin ein, aber irgendwie fühlte er sich jetzt nicht mehr unheimlich an, eher wie eine weiche, graue Decke, unter der die ganze Stadt zur Ruhe kam.

„Weißt du", sagte ich nach einer Weile, „ich glaube, ich habe heute etwas gelernt. Auch wenn ich mich sonst gut zurechtfinde, ist es schön, nicht immer alles allein schaffen zu müssen."

Luna lächelte, so gut ein Nachtfalter eben lächeln kann. „Das ist es, was Freunde ausmacht. Man muss nicht immer alle Antworten selbst haben."

Langsam begann sich der Nebel zu lichten. Zwischen den Schwaden blitzten vereinzelt wieder Sterne hervor, und der Mond zeigte sich schüchtern am Himmel, wie ein Freund, der vorsichtig um die Ecke schaut, ob die Luft schon rein ist.

Ich schaute zu Luna hinüber, die still neben mir saß, und spürte, wie sich die Unruhe in meinem Bauch langsam auflöste. Der Nebel war zwar noch nicht ganz verschwunden, aber das machte mir auf einmal nichts mehr aus.

„Fliegen wir noch eine kleine Runde?", fragte Luna. „Ganz langsam, ganz zusammen."

Ich nickte und breitete meine Flügel aus. Gemeinsam glitten wir durch die letzten Nebelschwaden, dicht beieinander, und ich merkte, wie leicht sich der Weg anfühlte, wenn man ihn nicht allein gehen musste.

Als ich später in meiner Baumhöhle ankam, hörte ich draußen noch immer das leise Rascheln der Blätter. Der erste richtige Herbstnebel war über Schnabelstadt gezogen, und ich hatte gelernt, dass man sich manchmal auf mehr verlassen darf als nur auf sich selbst.

Nun wird es auch für mich Zeit, in meine gemütliche Höhle zurückzufliegen. Kuschelt euch schön ein und lasst euch von der Nacht in einen wunderbaren Traum tragen.

Schlaft gut, ihr Lieben.

Euer Ben 🦇

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