🦉🌙 Emmas verlegter Lieblingsast 🦉✨

Emma die Eule findet ihren Lieblingsplatz eines Abends plötzlich besetzt und weiss gar nicht, wohin mit sich. Ben versucht, ihr zu helfen – doch loszulassen fällt Emma gar nicht so leicht. Eine Geschichte über Gewohnheiten, kleine Umwege und das, was man findet, wenn man sich darauf einlässt.

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7/25/20264 min read

Hallo, ihr lieben Nachtschwärmer!

Ich bin's, euer Ben. Ich sitze gerade am Eingang meiner Baumhöhle in der alten Eiche und schaue hinaus in die Nacht. Der Himmel hat heute ein besonders tiefes Blau, fast wie frisch gewaschene Wolle, und zwischen den Wolken blinzeln schon die ersten Sterne hervor. Aus dem Park steigt der Duft von warmem Moos zu mir herauf, und irgendwo klappert ein loser Fensterladen im Wind. Eine gemütliche Nacht, dachte ich mir gerade, als vom alten Ahornbaum her ein aufgeregtes Rufen kam.

„Das kann doch nicht wahr sein!“

Ich flatterte aus meiner Höhle hinaus und kannte diese Stimme sofort. Emma die Eule sass nicht auf ihrem gewohnten Ast, sondern flatterte unruhig davor hin und her, die Federn zerzaust und die runden Augen weit aufgerissen.

Ich landete auf einem Zweig neben ihr. „Emma? Was ist los?“

„Mein Ast“, japste sie und deutete mit einem Flügel nach oben. „Mein Ast ist besetzt. Seit sieben Jahren sitze ich immer genau dort, dritter Ast von oben, mit freiem Blick zum Teich. Immer dort. Und jetzt...“

Ich schaute nach oben und musste beinahe schmunzeln. Auf Emmas Lieblingsast sassen Pic und Pac, die beiden Eichhörnchen-Zwillinge, und spielten offenbar „Wache halten“. Sie hatten sich Blätter als kleine Helme auf die Köpfe gesetzt und riefen sich gegenseitig Kommandos zu.

„Feind von links!“, rief Pic.

„Verstanden, Feind von links!“, rief Pac und fiel dabei fast vom Ast.

Emma seufzte so tief, dass ihre Federn zitterten. „Ich habe es ihnen schon dreimal erklärt. Dieser Ast hat den perfekten Winkel für die Sternbeobachtung, die beste Windrichtung fürs Zuhören und die richtige Höhe, damit mich kein Fuchs von unten sieht. Aber sie hören einfach nicht zu.“

Ich flog ein Stück höher und rief zu den beiden hinauf: „Pic, Pac! Wisst ihr, dass das Emmas Platz ist?“

Pic schaute erstaunt herunter. „Wir dachten, das wäre ein guter Wachturm für unser Spiel.“

„Wir haben ihn heute Nachmittag entdeckt“, ergänzte Pac. „Er wackelt herrlich, wenn man drauf hüpft.“

Emma stöhnte leise auf, als sie das hörte. Für sie war der Ast heilig, für die beiden Zwillinge war er offenbar ein Abenteuerspielplatz.

„Könnt ihr euch heute Abend einen anderen Wachturm suchen?“, fragte ich freundlich.

Pic und Pac sahen sich an, zuckten mit den buschigen Schwänzen und hüpften schließlich zu einem anderen Ast weiter unten, wo sie ihr Spiel munter fortsetzten.

Der Ast war wieder frei. Doch Emma flog nicht hinauf. Sie saß auf dem Zweig neben mir und knabberte nervös an einer Feder.

„Jetzt kannst du wieder hoch“, sagte ich.

„Ich weiß nicht“, murmelte sie. „Was, wenn sie morgen wiederkommen? Was, wenn der Ast jetzt anders wackelt, weil zwei Eichhörnchen darauf herumgehüpft sind? Was, wenn...“

Ich kannte dieses Gefühl. Wenn etwas Vertrautes plötzlich anders wird, kann sich das Herz ganz eng anfühlen, egal ob man eine Fledermaus oder eine Eule ist.

„Weißt du was“, sagte ich, „lass uns gemeinsam nach einem neuen Platz schauen. Nur für heute Nacht. Und wenn dir keiner gefällt, fliegen wir zurück zu deinem alten Ast.“

Emma zögerte, nickte dann aber zaghaft.

Wir flogen los. Der erste Ast, den wir fanden, war zu tief, dort roch es stark nach Fuchs. Der zweite war zu weit oben, dort pfiff der Wind so stark, dass Emmas Federn wild durcheinanderflatterten. Am dritten Ast saßen schon zwei schlafende Tauben, und Emma wollte niemanden wecken.

„Das wird nichts“, seufzte sie und setzte sich müde auf einen Zweig der alten Eiche, meinem eigenen Zuhause. „Vielleicht bin ich einfach zu wählerisch.“

„Oder du weißt genau, was du brauchst“, sagte ich. „Das ist doch kein Fehler.“

Sie lächelte schwach. In diesem Moment bemerkte ich etwas: Von diesem Zweig aus, ein Stück oberhalb meines eigenen Schlafplatzes, öffnete sich der Blick zwischen den Blättern auf eine Weise, die ich noch nie beachtet hatte. Der ganze Himmel lag dort ausgebreitet, ohne dass ein einziger Ast die Sicht störte.

„Emma“, flüsterte ich, „schau mal nach oben.“

Sie hob den Kopf und blieb einen Moment lang ganz still. Über uns zog sich ein Band aus unzähligen Sternen, dazwischen glänzte der Mond wie eine runde Silbermünze. Kein Blatt verdeckte auch nur einen einzigen Punkt am Himmel.

„Das ist...“, begann Emma und verstummte.

„Besser als dein alter Ast?“, fragte ich vorsichtig.

Sie drehte sich langsam um sich selbst, prüfte den Winkel, roch die Luft, lauschte in verschiedene Richtungen. Eule eben.

„Der Wind kommt hier von der richtigen Seite“, stellte sie fest. „Und ich sehe den Teich sogar noch etwas besser als vorher, weil die Bäume hier lichter stehen.“

Ihre Schultern, die die ganze Zeit hochgezogen gewesen waren, sanken langsam nach unten. Zum ersten Mal an diesem Abend wirkte sie entspannt.

„Ich hätte nie gedacht, dass mir ein anderer Platz gefallen könnte“, gab sie zu. „Ich dachte, mein alter Ast wäre der einzig richtige.“

„Manchmal braucht es einen kleinen Schubs, um etwas Neues zu entdecken“, sagte ich.

Emma nickte und ließ sich auf dem neuen Ast nieder, direkt über meinem eigenen Schlafplatz. Von dort aus konnte sie den ganzen Sternenhimmel überblicken, und ich konnte durch die Blätter hindurch ihre zufriedenen, runden Augen leuchten sehen.

Wir saßen eine Weile schweigend nebeneinander und schauten den Sternen zu, wie sie langsam über den Himmel wanderten. Unten im Park war es still geworden, nur ab und zu hörte man aus der Ferne ein müdes Kichern von Pic und Pac, die sich wohl endlich einen eigenen Wachturm gesucht hatten.

„Danke, Ben“, sagte Emma schließlich. „Ich glaube, ich werde diesen Ast mögen.“

„Vielleicht sogar mehr als den alten“, sagte ich.

Sie gab ein zufriedenes kleines Uhu-Geräusch von sich, das fast wie ein Lachen klang.

Als ich mich später in meinen eigenen Schlafplatz kuschelte, hörte ich über mir Emmas ruhigen Atem und wusste, dass sie heute Nacht gut schlafen würde. Der Wind strich durch die Blätter der alten Eiche, und die Sterne funkelten weiter, als hätten sie schon immer gewusst, dass dieser Platz der schönste im ganzen Park war.

Schlaft gut, ihr Lieben, und träumt von Plätzen, die auf den ersten Blick fremd wirken und sich am Ende als genau richtig herausstellen.

Dein Ben 🦇

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