🦋🕸️ Karlo und die Brille im Silberfaden-Netz
Karlo Käfer hat schon wieder seine Brille verloren – doch diesmal steckt sie an einem Ort, an den man sich nur ganz behutsam heranwagen darf. Ben und Pips überlegen gemeinsam, wie sie helfen können, ohne dabei jemand anderem zu schaden. Eine Geschichte über Karlos Werkstatt, kluge Ideen und leise Rücksichtnahme.
wowbook
7/18/20264 min read


Hallo, ihr lieben Nachtschwärmer!
Ich bin's, euer Ben, und ich fliege gerade über Schnabelstadt. Der Mond hängt rund und gelb über den Dächern, und aus der Bäckerei am Marktplatz weht noch ein Hauch von warmem Brotduft zu mir hoch. Unten im Park glitzert der Tau auf den Wiesen wie verstreute Perlen. Eine ruhige Nacht, dachte ich mir gerade, als ich schon ein aufgeregtes Rufen hörte.
„Ben! Ben, bist du das da oben?"
Ich kannte diese Stimme sofort. Karlo Käfer stand vor seiner Werkstatt und winkte wild mit seinen kleinen Vorderbeinen. Als ich näherkam, sah ich, warum er so aufgeregt war: Seine Augen blinzelten unsicher in die Nacht, und seine Nase war ganz nah an einem umgekippten Blechdeckel, den er wohl gerade für seine neuste Erfindung untersuchte.
„Meine Brille", seufzte er. „Ich hatte sie doch gerade eben noch auf der Nase. Ich habe sie kurz auf den Hocker gelegt, weil ich mit beiden Vorderbeinen ein Zahnrad festhalten musste. Und dann kam dieser Windstoß durch die offene Tür, und schwupp, war sie weg."
Ich landete auf einem Ast über ihm und ließ meinen Blick über die Werkstatt schweifen. Kleine Schräubchen, halb fertige Erfindungen, ein Stück Käserinde als Werkzeugkiste. Aber keine Brille.
„Vielleicht ist sie unter die Werkbank gerutscht?", schlug ich vor.
Karlo tastete mit seinen Fühlern darunter herum und schüttelte den Kopf. Sein kleiner Käferkörper wirkte ohne die dicke Brille irgendwie nackt und verloren.
Ich beschloss, ein wenig höher zu fliegen und die Umgebung mit meinen Ohren abzusuchen. Meine Rufe schickte ich in die Dunkelheit, und die Echos kamen zurück und erzählten mir von Ästen, Blättern und einem runden, glänzenden Etwas, das zwischen zwei Zweigen hing. Ich flatterte näher heran und blieb erstaunt in der Luft stehen.
Da war sie. Karlos Brille, hoch oben zwischen zwei Ästen, gefangen in einem wunderschönen, taubetropften Spinnennetz. Der Wind musste sie geradewegs durch die offene Werkstatttür hinausgetragen haben, immer höher, bis sie sich in den feinen Fäden verfing. Im Mondlicht sahen die Fäden aus wie gesponnenes Silber, und mittendrin baumelte die runde Brille wie ein seltsamer Schmuckstein.
Ich flog zurück zu Karlo. „Ich habe sie gefunden. Aber du wirst es kaum glauben, wo sie hängt."
„Wo denn?", fragte Karlo und krabbelte schon aufgeregt los.
„In einem Spinnennetz. Ziemlich weit oben."
Karlo blieb abrupt stehen. „Oh nein. Das Netz von Frau Seidenspinn. Die schläft bestimmt schon und mag es gar nicht, wenn jemand ihr Netz durcheinanderbringt."
Ich nickte. Auch ich wollte die kleine Spinne auf keinen Fall wecken oder ihr schönes Werk zerstören. Ein Netz baut man schließlich nicht in einer halben Nacht.
Zum Glück kam in diesem Moment Pips um die Ecke geschlichen. Ihre Schnurrhaare zuckten neugierig, als sie Karlo ohne Brille sah.
„Was ist denn hier los?", piepste sie.
Wir erzählten ihr von der Brille im Netz, und Pips kletterte sofort ein Stück den Baumstamm hoch, um sich die Sache aus der Nähe anzuschauen. „Das Netz hängt zwischen zwei dünnen Zweigen", rief sie leise herunter. „Wenn wir daran ziehen, wackelt gleich das ganze Netz."
„Dann dürfen wir nicht daran ziehen", flüsterte ich.
Wir setzten uns auf einen Moosstein zusammen und überlegten. Karlo kratzte sich nachdenklich am Kopf, was ohne Brille irgendwie lustig aussah, weil er ständig blinzelte, als könnte er dadurch schärfer sehen.
„Ich könnte ein Seil aus Spinnfaden bauen und die Brille damit angeln", schlug er vor.
„Aber dafür bräuchten wir ja ein Stück von Frau Seidenspinns eigenem Netz", gab Pips zu bedenken. „Das wäre auch nicht sehr freundlich."
Ich dachte an meine Flügel und daran, wie leicht ich in der Luft schweben konnte. „Was, wenn ich ganz vorsichtig von oben komme? Nicht von der Seite, wo die Fäden gespannt sind, sondern von genau über der Brille, wo das Netz eine kleine Lücke hat."
Pips kletterte noch ein Stück höher und schaute sich die Lücke genau an. „Das könnte klappen. Aber deine Flügel sind ziemlich groß, Ben. Du musst wirklich, wirklich vorsichtig sein."
Karlo nickte eifrig, auch wenn er wahrscheinlich kaum sehen konnte, was Pips überhaupt meinte. „Ich vertraue dir, Ben."
Ich holte tief Luft und flog los. Ganz langsam näherte ich mich dem Netz von oben, meine Flügel kaum bewegend, fast wie im Gleitflug. Die feinen Fäden glitzerten so nah vor meinen Augen, dass ich jeden einzelnen Tautropfen erkennen konnte. Mit den Krallen an meinen Daumen streckte ich mich vorsichtig durch die kleine Lücke im Netz und griff nach dem Bügel der Brille.
Ein Faden zitterte leicht. Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer. Doch ich hielt still, wartete einen Atemzug lang, und tatsächlich: Das Netz beruhigte sich wieder, ohne zu reißen. Ganz behutsam zog ich die Brille durch die Lücke und flog rückwärts aus dem Geäst heraus.
Unten wartete Karlo und hüpfte fast aus seinem Panzer, als ich landete und ihm die Brille überreichte. Er setzte sie sich sofort auf die Nase und blinzelte erleichtert. „Ben, das war fantastisch geflogen."
„Und das Beste ist", ergänzte Pips stolz, „das Netz von Frau Seidenspinn ist noch ganz. Sie wird morgen früh aufwachen und gar nicht merken, dass wir da waren."
Karlo betrachtete das Netz noch einmal von unten, und ich sah, wie er es mit ganz neuen Augen anschaute. „Es ist eigentlich wunderschön gebaut", sagte er leise. „Fast wie eine kleine Erfindung. Ich sollte meine Fenster wohl besser zumachen, bevor ich das nächste Mal etwas Wichtiges auf den Hocker lege."
Wir verabschiedeten uns von Karlo, der zufrieden und mit fest sitzender Brille zu seiner Werkstatt zurückkrabbelte, um dort weiter an seinem Zahnrad zu schrauben. Pips huschte in ihr Versteck, und ich flog noch eine Runde über den ruhigen Park, bevor ich zu meiner alten Eiche zurückkehrte.
Der Mond stand jetzt tief über den Bäumen, und irgendwo im Geäst schlief eine kleine Spinne friedlich in ihrem unversehrten Netz. Ich kuschelte mich in meinen Ast und spürte, wie angenehm müde meine Flügel waren.
Nun wird es auch für mich Zeit, in meine gemütliche Höhle zurückzufliegen. Kuschelt euch schön ein und lasst euch von der Nacht in einen wunderbaren Traum tragen.
Schlaft gut, ihr Lieben.
Dein Ben 🦇
© wowbook 2026. All rights reserved.
Impressum - Datenschutzerklärung
Folge Ben auf Pinterest
Folge Ben auf Facebook
